Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, vibriert sofort unser Handy. Eine Eilmeldung jagt die nächste Breaking News. Jede Kleinigkeit wird zum Spektakel, es ist gefährlich, es ist ein Jahrhundert- oder gar Jahrtausendereignis. Die „Großigkeiten“ sowieso, wobei man heutzutage oft das eine nicht mehr von dem anderen unterscheiden kann.
Wir leben gefühlt auf einem permanent aktiven Vulkan, der ununterbrochen Superlative ausspuckt. Wir werden in unserem Alltag buchstäblich sekündlich mit Millionen von Sinneseindrücken, Spekulationen, Angst und Ärgernissen bombardiert. Dabei verlernen wir völlig die Langsamkeit, die Fähigkeit, Eindrücke in verdaulichen Portionen zu verarbeiten, und zu atmen. Anstatt die Welt selbst in ihrer Beständigkeit zu erfahren, sammeln wir nur noch Diagnosen über unsere Reaktionen auf diese Überflutung.
Doch wie sagt man „Nein“ zu diesem permanenten Alarmzustand? Wie entkommen wir dem Vulkan?
Genau an diesem Punkt entfaltet die Kunst des Landschaftsmalers Mathias Meinel ihre größte Wucht. Sein Werk ist der radikale Gegenentwurf zu unserer flimmernden Eilmeldungs-Kultur. Seine Bilder sind, wie es in der Kunstkritik treffend formuliert wird, ein gewaltiger „haptischer Widerstand“ gegen unsere schnelllebige Welt. Während wir in unserer visuellen, digital geprägten Kultur ununterbrochen nach dem Spektakulären und Glatten suchen, zwingt uns Meinel, den Kopf zu senken. In seiner Kunst gibt es ganz bewusst keine dramatischen Panoramen oder epochalen Ereignisse. Stattdessen widmet er sich detailliert den völlig „nebensächlichen Erscheinungen“ direkt vor unserer Haustür. Er malt aufgerissene Ackerfurchen, trockene Maisstoppeln und schlammige Matschpfützen.
Meinel versteht die Welt durch Malerei – das ist keine Metapher, das ist sein Lebensweg. Mit zwei Jahren greift er erstmals zum Stift – und hört nicht mehr auf. Eine Textilausbildung und später auch ein Designstudium an der Kunsthochschule Kassel prägen seinen Blick für Rhythmus, Details, Webmuster und Oberflächenhaptik – genau jene Strukturen, die man heute in seinen Furchen und Stoppelfeldern wiederfindet.
Für ihn sind diese Pfützen keine banalen Hindernisse, sondern „Lichtphänomene“ und „Himmelsaugen“. Sie vollbringen etwas Faszinierendes: Sie überwinden in einem winzigen Moment die räumliche Trennung zwischen oben und unten und holen das unerreichbare Licht des Himmels direkt in die schwere, dunkle Erde. Meinel nimmt das scheinbar Wertloseste und verleiht ihm eine fast sakrale Würde.
Diesen Widerstand macht er durch seine Technik buchstäblich greifbar: Er spachtelt die Ölfarbe extrem dick auf, sodass sie physisch in den Raum ragt und die „adaptierte Klumpigkeit von Matsch“ imitiert. Diese raue Materialität fordert uns heraus. Sie weigert sich, geglättet zu werden. Sie steht im totalen Kontrast zu den sterilen, perfekten Displays unserer Handys, auf denen wir die Welt an uns vorbeirauschen sehen.
In seinem autobiografischen Text „Warum ich male“ bringt Mathias Meinel seine Philosophie auf den Punkt: „Ich denke, wir gehen zu schnell. Alles geht oft zu schnell. Aber ich kann eben auch stehen bleiben, innehalten.“ Seine Kunst beweist uns, dass echte Tiefe nicht in der Ferne oder im lauten Spektakel liegt. Sie liegt buchstäblich direkt vor unseren Füßen. Ein nasser, überfluteter Acker reicht völlig aus, um sich wieder zu erden und die überdrehte Welt zu stoppen.
Mathias Meinel ist in dieser Ausstellung „Innen und Außen“ für das Außen zuständig – und zwar so richtig draußen, dort wo Wetter und frische Luft passiert. Das tut einfach gut. Ich könnte Stunden vor den Pfützenbildern stehen und darüber staunen, wie lebendig sie sind.
Mathias Meinel bleibt draußen stehen. Brigitta Borchert geht hinein.
Sie stammt aus einer deutsch-baltischen Künstlerfamilie, fünf Generationen, die das Wesen der Kunst weitergegeben haben wie andere Familien ihre Geschichten. Studium, Jahre als Grafikerin – beides hat ihren Blick geschärft: präzise, auf den Punkt, mit einem Werkzeugkasten, der von Bleistift und Feder über Aquarell, Pastell, Gouache, Tempera und Öl bis zum Tablet reicht.
Sie ist Spezialistin für Interieur – das Innere eines Raumes – und für die Menschen darin. Auch sie kennt das Draußen: Jahrzehntelang füllt sie atemlos Skizzenbücher direkt vor dem Motiv, wind-, sonne- und sturmgefestigt, wie sie selbst sagt. Inzwischen ist ihre mobile Leinwand ein Tablet. Der Blick ist derselbe geblieben: lasergenau.
Ihre Porträts sind keine bloßen Abbildungen der äußeren Hülle, sondern psychologische Studien. Sie fängt den Charakter und die Lebensumstände ihrer Modelle in den Augen und der Haltung ein. Ob es sich um Malerkollegen bei der Arbeit handelt, debattierende Politiker im Kieler Landeshaus oder Kurgäste in Bad Reichenhall – Borchert beobachtet mit einem präzisen, fast unbestechlichen Blick.
Auch sie entscheidet, was malenswert ist. Und wie bei Meinel sind es oft die unscheinbaren Dinge, denen sie dadurch Bedeutung verleiht – und die gleichzeitig eine Geschichte erzählen.
Was das Motiv braucht, bekommt es auch – sie wählt ihre Technik nicht aus Gewohnheit, sondern aus Konsequenz. Aquarell für die Flüchtigkeit des Lichts, Öl für die Schwere und Tiefe, Pastell und Gouache auf Aluminium, wenn die Farbe leuchten soll. Diese Bereitschaft, mutig zwischen Medien zu wechseln und sie zu mischen, ist selten – und manchmal bekommt ein einziges Bild sogar alles davon zusammen. Das ist ungewöhnlich und zeugt von ihrer großen Handwerkskunst, die alle Techniken gleichermaßen beherrscht.
Hier gleich neben der Tür ist ein gutes Beispiel: „Tee allein“. Ein weggeschobener Stuhl, ein noch eingedrücktes Sitzkissen, ein Teebeutel neben der Tasse – und ein Smartphone. Die Person ist weg, aber der Raum ist noch voll von ihr. Borchert erzählt eine Geschichte über einen Menschen, ohne ihn zu zeigen. Und das Smartphone tut das, was Smartphones tun: Es verankert diese stille, fast zeitlose Szene mitten im Jetzt. Man trinkt seinen Tee allein – und ist trotzdem nie wirklich weg.
Durch Bilder wie diese – Meinels Acker und Borcherts Teepause – erfahren wir die Kraft des Augenblicks, die Konzentration von Zeit im Jetzt, dem einzigen, wirklich vorhandenen Seinszustand, den wir nur erleben und nicht denken können. Ganz anders als Vergangenheit und Zukunft, die wir deshalb niemals greifen können.
„Ich denke, wir gehen zu schnell. (…) Aber ich kann eben auch stehen bleiben, innehalten.“
Tun Sie es einfach – bleiben Sie stehen und sehen sich um. Jetzt. In diesem Moment.