Geboren in Heilbronn/Sontheim und nach einer Ausbildung zur Druckvorlagenherstellerin zunächst viele Jahre als Mediengestalterin in der präzisen Welt von Agenturen und Verlagen tätig, vollzog Uta Masch nach ihrem Umzug nach Schleswig-Holstein eine bemerkenswerte Wende: Sie fand den Weg in die freie Malerei, die heute in ihrem Atelier in der Künstlerkolonie Carlshöhe in Eckernförde entsteht und in der sie die Landschaft, die sie von ihrem Wohnort Hohn aus erkundet, zu ihrem zentralen Thema gemacht hat.
„Déjà-vu – Bilder der Erinnerung“
Der Titel dieser Ausstellung klingt zunächst wie ein Widerspruch. Ein Déjà-vu – jenes eigenartige Gefühl, etwas jetzt zu erleben und gleichzeitig zu spüren, es schon einmal erlebt zu haben. Und Erinnerung – die doch immer Vergangenheit meint, etwas, das nicht mehr ist.
Aber genau in diesem scheinbaren Widerspruch liegt der Schlüssel zum Verständnis dieser Malerei.
Zwei Arten der Erinnerung
Es gibt zwei fundamental verschiedene Weisen, sich zu erinnern.
Die eine ist mühevoll, rekonstruktiv. Man versucht, ein Bild aus der Vergangenheit wieder zusammenzusetzen wie ein Puzzle: Wie sah der Ort genau aus? Welche Farbe hatte der Himmel? Es ist ein Greifen nach etwas, das sich entzieht. Man kriegt Bruchstücke, blasse Abbilder, aber nicht die Wahrheit des Moments.
Die andere Art der Erinnerung ist unwillkürlich, leiblich, ganzheitlich. Man erinnert sich nicht an Fakten, sondern man fühlt wieder. Ein Lichtfall, eine Atmosphäre – und plötzlich ist man wieder dort. Nicht gedanklich, sondern körperlich. Man weiß vielleicht nicht mehr, wie der Ort genau aussah, aber man spürt wieder, wie es sich anfühlte, dort zu sein.
Ein Déjà-vu ist genau das: Vergangenheit und Gegenwart fallen zusammen. Die Trennung zwischen „damals“ und „jetzt“ löst sich auf. Es ist keine bloße Erinnerung an etwas Vergangenes – es ist Wiedererleben als gegenwärtiger Moment.
Uta Masch sagt selbst zu ihrer Malerei: “Ich atme ein und male im Atelier aus.“
Nichts ist gegenwärtiger, nichts verbindet mehr mit der Gegenwart als das Atmen.
Der Atem ist das erste und letzte, was uns mit dem Leben verbindet. Im Deutschen trägt das alte Wort „Odem“ noch diese existentielle Dimension – der göttliche Hauch, der leblose Materie beseelt. Atmen ist nicht willentlich, es geschieht. Es ist der unmittelbarste Dialog zwischen Innen und Außen, zwischen Selbst und Welt.
Was diese Künstlerin tut, ist nichts anderes als diese Ur-Bewegung des Lebens in künstlerisches Schaffen zu übersetzen: Sie atmet Natur ein – nicht als touristische Betrachtung, nicht als fotografisches Festhalten, sondern als leibliches Erfahren. Sie geht hinaus, wandert, segelt, und nimmt die Landschaft in sich auf: das Licht über dem Wasser, die Schwere nasser Erde, die Bewegung des Windes im Gras.
Die Landschaft setzt sich in ihr ab, lagert sich ein – als Gefühl, als Atmosphäre, nicht als visuelles Protokoll. Erst später, manchmal Stunden, manchmal Tage danach, entsteht der Drang, das Erlebte auszudrücken. Und dann muss es heraus – nicht als getreue Wiedergabe, sondern als Ausatmen des Erlebten. Nicht als mühevolle Rekonstruktion, sondern als Wiedererleben.
Was sie dann malt, sind keine Abbilder konkreter Orte.
Ihre Landschaften sind Ur-Landschaften, archetypische Stimmungen. Man erkennt die Ostsee, die Dünen, das Licht des Nordens – und doch ist es nicht diese eine Düne, nicht jener genauer Tag. Es ist die Essenz davon. Erinnerung nicht als Rückblick, sondern als Destillat. Pastös und kraftvoll auf die Leinwand gebracht.
Farbe als Muttersprache
Dass dies überhaupt möglich ist – dieser direkte Weg vom Erleben zum Ausdruck – hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte.
Mit sieben Jahren wurde sie in den Malunterricht geschickt. In jener formativen Phase, in der sich neuronale Bahnen noch formen, in der Lernen kein Aneignen, sondern ein Werden ist. Große Pinsel, Wasserfarben, das Mischen und Fließen der Farben – all das setzte sich in ihr ab, bevor ihr Verstand es begrifflich fassen konnte.
So wie ein Kind „Mama“ sagt, bevor es das Konzept „Mutter“ versteht, so verstand sie Farbklänge, bevor sie Farbtheorie kannte. Farbe wurde ihre Muttersprache.
Dann kam die Ausbildung zur Druckvorlagenherstellerin – ein Beruf, in dem man wissen musste, wie viel Magenta ein warmes Rot braucht, wie Farben sich im Druck verhalten, wie man Nuancen ätzt und abschwächt. Das war Farbchemie mit den Händen. Technisches Wissen, das sich durch tägliche Praxis in den Körper einschrieb.
Was hier entstand, war also eine doppelte Verankerung: die intuitive Ebene aus der Kindheit und die technische Ebene aus dem Beruf. Beides zusammen ergibt keine Spaltung, sondern eine Souveränität. Sie muss nicht überlegen, sie weiß. Ihre Hand weiß.
Die Unmittelbarkeit des Ausdrucks
Uta Masch sieht nicht eine Landschaft und überlegt dann: „Welches Grün brauche ich? Wie mische ich das? Wie setze ich das kompositorisch um?“ Nein. Sie sieht in Farben. Die Landschaft ist für sie bereits Farbe, bereits Pinselstrich, bereits Rhythmus.
Wenn sie dann ins Atelier geht und malt, ist das kein Übertragungsakt mehr – es ist Sprechen in der Muttersprache. Nur wer nicht mehr übersetzen muss, kann in einem Atemzug sprechen. Jede Pause, jedes Stocken, jedes Überarbeiten wäre wie ein Stottern – ein Zeichen dafür, dass die Verbindung zwischen Innen und Außen nicht mehr fließt.
Sie sagt selbst: „Ich weiß im Prinzip nicht, was ich tue. Ich mache einfach.“ Dieses „einfach Machen“ ist nur möglich, weil ihr Körper, ihre Hand, ihr Auge durch Jahrzehnte automatisiert haben, was andere mühsam planen müssen. Was oberflächlich nach Bauchgefühl aussieht, ist in Wahrheit sedimentierte Erfahrung.
Der Moment des Malens ist nur die sichtbare Spitze eines langen inneren Prozesses. Aber wenn dieser Moment kommt, dann muss er ungeteilt sein. Ein Atemzug lässt sich nicht unterbrechen, nicht korrigieren, nicht wiederholen. Der erste Impuls trägt die Wahrhaftigkeit in sich. Je mehr man korrigiert, desto mehr schleichen sich Zweifel und kalkulierte Entscheidungen ein. Das Bild wird vielleicht „richtiger“, aber auch toter.
Eine Erinnerung als Gefühl ist flüchtig. Jede Unterbrechung, jede Überlegung wirft zurück in die mühevolle Rekonstruktion. Was destilliert ist, ist rein, konzentriert, kraftvoll. Aber wenn man zu lange wartet, zu viel überlegt, zu oft korrigiert, verdunstet das Wesentliche. Dann wird die Erinnerung tatsächlich zur Vergangenheit – distanziert, konstruiert, tot.
Was wir auf diesen Leinwänden sehen, sind verdichtete Augenblicke, atmosphärisch komprimiert, in Farbe und Gestus übersetzt. Das Pastose, das Kraftvolle der Malweise ist die physische Manifestation des Atemdrucks, mit dem die Erfahrung aus dem Körper der Künstlerin auf die Leinwand gepresst wird.
Die Bilder atmen, weil sie aus dem Atem geboren sind.
Frei, das Erlebte direkt auszudrücken. Frei, ohne Umweg vom Einatmen zum Ausatmen zu kommen. Frei, so zu malen, wie sie spricht – natürlich, kraftvoll, wahrhaftig.
Ihre Bilder sind keine übersetzten Texte. Sie sind Originale. In der einzigen Sprache, die ihr wirklich gehört: Farbe.
Und deshalb sind ihre Bilder Déjà-vus für uns alle: Erinnerungen an etwas, das wir vielleicht nie erlebt haben – und doch wiedererkennen. Weil es nicht um das Was geht, sondern um das Wie. Nicht um die Details, sondern um den Atem.