Zwischenwelten.
Wenn Sie dieses Wort hören, woran denken Sie?
Vielleicht an Science-Fiction. An Paralleluniversen, die nebeneinander existieren, getrennt durch einen dünnen Schleier, den nur wenige durchdringen können. An Portale zwischen den Dimensionen.
Vielleicht an spirituelle Schwellenräume. An Bardo-Zustände, jene Orte zwischen Leben und Tod, zwischen Wachen und Träumen, wo die Seele innehält, bevor sie weitergeht.
Oder an ganz alltägliche Momente: Das Zögern, bevor wir etwas aussprechen. Die Stille zwischen zwei Menschen, aufgeladen mit allem Ungesagten. Der Augenblick zwischen Einatmen und Ausatmen.
Zwischenwelten sind überall.

Sie sind die Räume, in denen wir nicht mehr das eine sind und das andere auch noch nicht.. Wo Transformation möglich wird. Wo noch nichts entschieden ist.
Und genau dort – in diesen Zwischenwelten – bewegen sich die beiden Künstlerinnen, deren Werke Sie heute sehen.

Tatjana Wolfers und Katrin Göldner sind inzwischen feste Bestandteile der Bordesholmer Kunstszene, die übrigens erstaunlich viele Mitglieder hat. Wie in so vielen Belangen ist Bordesholm auch in Sachen Kunst eine Art “hidden champion” und mit Veranstaltungen wie diesen ändert sich das Stück für Stück, raus in die Wahrnehmung und in die Sichtbarkeit.

Zwei Künstlerinnen, zwei Sprachen

Tatjana Wolfers malt abstrakt. Katrin Göldner im inneren Realismus.
Das sind nicht nur unterschiedliche Stile. Das sind zwei Pole der Einheit Kunst, unterschiedliche Portale in diese Zwischenwelten.
Die eine öffnet das Portal durch Farbe, durch Zufall, durch Loslassen.
Die andere durch Form, durch innere Bilder, durch bewusste Suche.
Aber beide führen uns an denselben Ort: In jenen Raum zwischen den Welten, wo wir nicht mehr sicher sind, was wir sehen. Wo Bedeutung entsteht, weil wir sie mitbringen. Wo Dialog möglich wird, weil nichts festgeschrieben ist.

Wie entstehen die Bilder von Tatjana Wolfers?

Es gibt keine Vorzeichnung, keine Absicht, sondern es beginnt mit einer Tat: Sie kippt Farbe auf die Leinwand und „schubst sie herum“.
Das klingt spielerisch. Fast leichtsinnig. Mal ist es ein Kampf, mal ist es der Flow des Prozesses.
Auch darin liegt eine tiefe Weisheit: Sie gibt die Kontrolle ab. Sie lässt das Material sprechen. Sie öffnet ein Portal und wartet, was durchkommt.
Sie sagt: „Nach und nach nehme ich dann vieles weg und lasse Teile stehen. Danach ergänze ich wieder. Beim Tun entsteht ein Bild. Themen sind Florales, Wasser, Jahreszeiten, Dialoge und Farbstimmungen.”
Das ist wie ein Bildhauer, der im Stein die Form sieht, die schon immer da war. Nur dass bei Wolfers die Form nicht im Material wartet, sondern im Prozess entsteht. Im Dialog zwischen Zufall und Entscheidung. Zwischen dem Schubsen und dem Weglassen.
Und am Ende wird sichtbar, was vorher nicht existierte. Mit genug Raum innen drin und drumherum, damit auch Sie Ihre eigene Bedeutung dazugeben können.Tatjana Wolfers schafft Farbräume, organische Formen, Stimmungen. Und was wir dort sehen – ein Gesicht, eine Landschaft, eine Erinnerung – das bringen wir mit.
Wir sind also Mitschöpfer*innen und können in ihren Bildern sehen, was wir brauchen. Unsere Projektionen finden einen Landeplatz – oder stürzen auch schon mal ab. Auch das ist in Ordnung, denn nichts muss, alles kann.

Katrin Göldner – Die innere Landkarte

Katrin Göldner geht einen anderen Weg. Sie malt seit drei Jahrzehnten. Erst die äußere Welt: impressionistische Landschaften, Licht, Natur.
Und irgendwann ist das nicht mehr genug. Sie wendet den Blick nach innen.
Katrin Göldner nennt es „Inneren Realismus“ – und dieser Name ist perfekt. Denn sie malt realistisch, jedoch nicht nur das, was außen ist. Sondern das, was innen lebt:
Erinnerungsfetzen. Symbole. Momente zwischen Angst und Vertrauen, zwischen Vertrautheit und Fremdheit. Sicherheit und Gefahr.
Auch das sind Portale in emotionale Zwischenwelten.
Wo Tatjana Wolfers dem Zufall vertraut, sucht Katrin Göldner die Form, die schon in ihr wartet. Das innere Bild, das sichtbar werden will. Sie horcht nach innen und bringt hervor, was dort in den Tiefen schwebt.

Nehmen wir das Bild ‚Wiedereintritt‘- und hier traue ich mich, das Motiv zu beschreiben. Wir sehen eine neblige, kühle Waldlandschaft – das Vertraute, das fast im Dunst verschwindet. Doch im Zentrum hockt eine Figur, gehüllt in leuchtendes Orange, wie ein wärmendes Signalfeuer in dieser kühlen Umgebung.
Sie kniet nicht an einem normalen Ufer, sondern an einer Kante zur Tiefe. Vor ihr liegt ein dunkler Spiegel- oder ist es der Himmel?-, durchzogen von einem leuchtenden Raster – wie ein Koordinatensystem des Unbewussten oder ein Sicherheitsnetz über dem Abgrund.
Die Hand der Figur berührt dieses Netz behutsam. Es ist genau dieser Moment des ‚Dazwischens‘: Der Augenblick, in dem man prüft, ob das Netz hält, bevor man eintaucht. Wir sehen hier keine bloße Landschaft, sondern den genauen Moment der Kontaktaufnahme mit der eigenen Tiefe. Oben der Nebel des Vergessens, unten die glühende Struktur der Erinnerung, und dazwischen der Mensch, der den Mut hat, wieder einzutreten.
Katrin Göldner zeigt uns den inneren Kompass. Das Bild, das sichtbar werden will, wenn wir uns darauf einlassen, was auch eine Form des Loslassens ist
Durch den Dialog dieser beiden Künstlerinnen, die jeweils an unterschiedlichen Punkten des Ausdrucks stehen, in der Welt dazwischen, öffnet sich genau der Platz, den wir selbst brauchen, um unseren eigenen Geschichten, Betrachtungen und Gedanken dazu den Raum zu verschaffen.

Diese Ausstellung lädt uns ein, zwischen den Welten zu stehen. Nicht auf sicherem Boden, sondern in der Schwebe.

Dort, wo das Leben selbst uns immer wieder hinstellt: nämlich zwischen das, was war, und das, was sein könnte.

Lassen Sie sich fallen in diese Zwischenwelten. Lassen Sie sich schubsen von den Farben.
Lassen Sie sich verunsichern von den inneren Bildern.
Verweilen Sie dort, wo scheinbar nichts ist, denn genau dort ist alles möglich.

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Galerie Göldner, Inhaber: Katrin Göldner (Firmensitz: Deutschland), würde gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl:
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